PRIDE Logo

Interview Conchita

„Ich kann nur das machen, was ich für richtig halte.”
Ein Interview mit Conchita – einen Tag vor ihrem 30. Geburtstag – über mehr Männlichkeit, Ehrlichkeit gegenüber sich selbst, Kanzler Kurz, EUROPRIDE und die Europawahl 2019

   web20181104_conchita_frei
PRIDE: Ich habe ein Geschenk mitgebracht, es sind die drei PRIDE-Cover mit dir drauf.

Conchita: Unfassbar

PRIDE: Wir waren das erste queere Magazin, das dich 2006 aufs Cover gebracht hat.
Conchita: Danke, das ist sehr lieb.

PRIDE: Wie geht’s dir mit deiner Vergangenheit als „Starmania-Tom“?
Conchita: Gut, wie soll ich sagen. Wie wir alle haben wir frag­würdige Kleidung getragen. Ich habe gerade jetzt mit meiner Tour, die „Soweit gut“ heißt, mir ein bisschen diesen Zeitraum in Angriff genommen, weil ich in diesem Geschäft bin, seitdem ich 17 Jahre alt bin. Das ist echt schon eine lange Zeit, eigentlich. So hab ich mich in letzter Zeit viel damit beschäftigt, was ich so gemacht habe – Starmania und die Boyband. Ich bin sowieso ein Mensch, der daran glaubt, alles was passiert, muss passieren. Und ich bin auch sehr wach und nehme das was kommt als Chance. Und so lernt man manchmal in der Situation, weil Starmania habe ich halt nicht gewonnen. Aber daraus zu lernen, wie es ist, wenn man nicht gewinnt und trotzdem weiter macht – davon zehre ich schon auch noch heute ein bisschen von dieser Gelassenheit.

web2018_conchita_cd_signiert
PRIDE: Ist die CD eine Form von Abschied – die Transformation von Conchita läuft ja schon länger, du zeigst jetzt mehr den Mann?

Conchita: Jein, es ist definitiv die Krönung eines Genres, mit dem ich mich beschäftige, seit ich in dieser Branche arbeite. Und ja, es ist schon in Zukunft definitiv was anderes geplant – und es wird auch gemacht und veröffentlicht werden. Ich will mich als Künstlerin auch weiterentwickeln.

PRIDE: „All By Myself“ (Céline Dion) ist der spannendste Track – in der Kombination mit Rach­maninoffs Klavierkonzert, das sind schon sehr feine Experimente. Wie war das Arbeiten mit den Wiener Symphonikern?
Conchita: Ja unglaublich, es war wahnsinnig schön. Ich kann mich erinnern, es war Freitag Nachmittag, die Symphoniker hatten da eine Aufnahmesession, dann steht man da drinnen, horcht so zu, ich sitze mit meiner Produzentin Dorothee Freiberger und hab mir dann gedacht, warum lässt sie das nochmals spielen, warum hat das nicht gepasst? Ich wollte schon auch verstehen, wie der Prozess der Produktion passiert. Und irgendwann merkst du, es ist Freitag, 17:30 Uhr und die Symphoniker spielen für dich! Das ist überwältigend, weil mir schon auch bewusst ist, mit welchem Orchester ich da zusammen arbeite. Also ohne andere Orchester zu schmälern, die haben ja auch einen Ruf, der ihnen Perfektion impliziert.

PRIDE: Es gibt aber auch Songs wie „Sound Of Music“, in denen du sehr hoch singst und als Einzelperson gegenüber dem ganzen Orchester dich durchsetzen musst.
Conchita: Absolut! Das war alles eine stimmliche Challenge. Bei „The Sound Of Music“ ist es die Original-Tonart und mir ist absolut bewusst, dass es, wenn das ein Mann singt – wenn das ich singe – noch ein bisschen spezieller ist.

PRIDE: Übst du da spezielle auf diese Nummern?
Conchita: Natürlich. Im Studio hat man das Glück dass man Zeile für Zeile so oft singen kann, bis man es hat. Man will natürlich keine Zeit verschwenden und natürlich kommt man vorbereitet und natürlich komme ich geprobt und geübt. Aber diese Nummer war schon sehr speziell, weil es ist natürlich alles Kopfstimme – es gibt dann eine Stelle, wo ich in die Bruststimme wechsle – da die Verbindung zu schaffen – in einem Atemzug – technisch – ist dann schon eine Herausforderung. Aber ich hab es geübt wie blöd – und jetzt kann ich es halt.

PRIDE: Ich finde „Für mich sollst rote Rosen regnen“ die schönste Nummer, weil deine Interpretation unkompliziert und locker ist. Und von der Stimme auch sehr tief, da bist du auch sehr natürlich. Gibt es für dich Lieblings-Songs auf der CD?
Conchita: Schon, es gibt auf jeden Fall so Momente, auf die man sich freut, wenn man sie performt. „All By Myself“ ist bei mir immer Spitze, weil es ist dieser Aufgang! Also die „roten Rosen“, dieses Lied liebe ich aus verschiedenen Gründen. Zum einen, weil dieses Lied auch für mich geschrieben wurde, also wenn ich singe „Mit 16, sagte ich still: ich will, will groß sein, will siegen“, ich meine, ja das hab’ ich gesagt mit 16. Und die Schwierigkeit war schon, dass man davon weggeht, es schön zu singen – das geht bei diesem Lied nicht! Es geht um die Geschichte und dass man es so meint.

PRIDE: Bei der Knef ist schön singen etwas Spezielles…
Conchita: Nein, man kann es nicht nachsingen, man muss es glauben. Und ich glaube es war schon sehr speziell, diese Tag im Studio. Mir als Perfektionist geht es darum, die Töne so sauber als möglich zu singen, das Timing einzuhalten, und man kommt aus dem nicht heraus. Und im Tonstudio ist man schon so nah an den eigenen Fehlern, da frustriert man dann schon gerne. Bis man zu dem Punkt kommt – und das braucht man oft auch psychologisch – wo man sich denkt, „Ok, woast wos, jetz‘ sing ichs einfach ein, is eh schon wurscht!“ [Im Dialekt] Und dann plötzlich sind es die Tracks, die es dann sind. Und dann hat man die Emotion und das Gefühl und du singst das Lied ein.

PRIDE: Eine Frage, die sicher schon oft gestellt wurde, warum sind Nummern wie „Over The Rainbow“ nicht auf der CD?
Conchita: Oh, wieso ist „Over The Rainbow“ nicht drauf? Ich hab es bei der CD-Präsentation im Konzerthaus gesungen. Aber auf der Platte ist es nicht oben, weil (überlegt) … ich muss sagen, ich hab mich spät in „Over The Rainbow“ verliebt und ich glaube, deswegen ist es nicht oben.

PRIDE: Das ist jetzt eine Überleitung zum politischen Engagement – weil Hymnen auch für die Queer Community wichtig sind. Du bist Botschafterin für EUROPRIDE 2019. Wie siehst du hier deine Funktion, gerade in Österreich mit dieser rechten Regierung? Wieweit kann man politisch etwas verändern?
Conchita:  Also abgesehen davon, dass es eine große Plattform ist, die man da bespielen kann. Die wahrscheinlich auch eine Aufmerksamkeit bekommt, wie keine Parade zuvor bei uns in Wien, oder in Österreich. Das zu nutzen, um auch etwas zu sagen, ist unglaublich wichtig. Da auch von Seite der Politik Unterstützung zu erfahren, vielleicht nicht von den Politikern, von denen wir wissen, dass sie uns nicht unterstützen, aber von anderen – ist natürlich ein starkes Zeichen. Weil ich glaube, ich unterstelle jetzt einmal vielen Wirtschaftstreibenden und Politikern, dass sie das Ausmaß und die Größe dieses EUROPRIDE „nicht am Schirm haben“. Ich glaube, dass viele nicht wissen, dass es zirka ein Million Leute sind, die dann hier sind über einen längeren Zeitraum. Die Stadt (Wien) weiß das, die gibt ja auch Geld dafür her. Aber viele andere, die sagen: „Regenbogenparade – na Gott sei Dank – DIE brauche ich im Ersten Bezirk?“. Aber ich glaub, dass sich das ändern wird, und diese Aufmerk­samkeit nutze ich schamlos aus.

PRIDE: In Wien gibt es politische Unterstützung, aber in kleinen Städten wie Linz oder besonders am Land ist es schwierig. Du bist und warst ja immer für junge Schwule ein Vorbild…
Conchita: Ich weiß es nicht, ich habe keine Ahnung. Ich kann nur das machen, was ich für richtig halte, und kann nur das sagen, was ich für richtig halte. Ich habe da keine Ahnung, ob das irgendwen interessiert, was ich zu sagen habe. Aber ich werde es sagen! Und wenn es irgendwie einen Teil dazu beiträgt, dass sich etwas tut, in eine Richtung, die für uns alle aus Österreich etwas Positives hat, dann ist das natürlich ein Wahnsinn.

PRIDE: Das mediale Interesse nach dem Songcontest war riesengroß. Wie willst du als Person gesehen werden oder bist du eine Stellvertreterin?
Conchita: Ja, die Stellvertretung wird einem ja umgehängt, die haben mich ja nie gefragt. Wie soll ich sagen, ich nehme mich aus dem immer raus, weil Erwartungshalten, für die kann ich nichts.

PRIDE: Kommen wir nochmals auf den Transformationsprozess zurück –  wenn du jetzt mehr den Mann auf der Bühne zeigst, provoziert das. Man hat sich an die Kunstfigur Conchita gewöhnt …
Conchita: … wie lustig, ja das ist so absurd …

PRIDE: … bekommst du da jetzt unterschiedliche Reaktionen?
Conchita: Es ist echt ein Wahnsinn, ich kann machen was ich will, die Leute fühlen sich von mir provoziert. Zuerst darf ich kein Kleid anziehen! Jetzt soll ich ein Kleid anziehen!

PRIDE: Ist die Figur ein Schutzschild? Hast du da einen Plan, wie es mit dir weitergeht?
Conchita: Ich habe nie einen Plan. Einen „Stagelook“ zu haben ist für mich ungeheuer wichtig, weil das macht mir einfach Spaß. Ich muss mich nicht so „aufdirndln“, wenn ich zum Billa einkaufen gehe, weil da will ich keine Aufmerksamkeit. Aber auf der Bühne will ich das natürlich. Es ist weniger mein Gedanke, ich will jetzt irgendjemanden provozieren, sondern einfach „A Gaudi haben“. Ich bekomme schon andere Reaktionen, vor allem andere Reaktionen von Frauen, die ich vorher nicht kannte. Trotzdem, dass sie wissen, dass ich schwul bin, irgendwie Interesse daran haben, mich näher kennen zu lernen. Das ist neu.

web20181104_conchita_signieren
PRIDE: Gerade bei jungen Leuten ist die Geschlechter- und Identitätsfrage eine ganz brennende, du spielst ja mit Klischees, überwindest aber auch die Schubladen, was ist deine Botschaft an junge Leute?

Conchita: Ich glaube es ist wahn­sinnig wichtig herauszufinden, wer man ist. Ich glaube es ist unglaublich wichtig – und das sind totale Floskeln, weil ich es immer wieder erleben muss, die ich verwenden muss – es ist unglaublich wichtig, dass man sich mag. Auch in all seinen Facetten, dass man sich auch akzeptiert und dass man auch gütig mit sich selbst ist. Weil niemand sagt gerne, dass er eifersüchtig ist, aber ich kann unglaublich eifersüchtig sein, und ich hasse es, dass ich es sein kann. Da geht es nicht darum, diese Dinge auszumerzen – es geht nicht – man ist, wie man ist. Aber Aber ich glaube, sich bewusst zu machen, wer man ist und wie man in gewissen Situationen funktioniert, macht es einem erheblich leichter, durch die Welt zu gehen. Weil man weiß, ok, das bin ich jetzt, wenn man z.B. eifersüchtig ist – und warum bin ich eifersüchtig, weil ich zu faul bin, das zu erreichen, was die anderen haben, … also wirklich ehrlich zu sich zu sein. Und insgesamt, auch die schönen Seiten … Wir tendieren ja auch dazu, unsere Talente zu entschuldigen, wir tendieren ja dazu Komplimente nicht anzunehmen. „Und des is genauso blåd!“ [Im Dialekt]. Ich glaube, alles, was man sich selbst antut, tut man auch in gewisser Form mit anderen. Das heißt, wenn Menschen schnell ver­urteilen, verurteilen sie sich auch selbst sehr schnell.

PRIDE: Es gibt aber schon auf politischer Seite Leute, die das nicht so wahrhaben wollen. Wenn Wenn du Bundeskanzler Kurz begegnen würdest, was würdest du ihm sagen?
Conchita: Dem Herrn Kurz? Pfff… (überlegt) Alle haben eine Legitimation, warum sie den Job machen, den sie machen. Ich höre halt viele dieser Politiker im Fernsehen reden – und es klingt jetzt vielleicht ein bisschen arrogant oder überheblich – ich denke mir, ich könnte ihm einen Rhetorikkurs geben. Weil manchmal denkt man sich, es ist vollkommen in Ordnung – hab deine Gesinnung und predige, das was du für richtig hälst, – aber „könnt ihr das bitte in ganzen sinnvollen Sätzen machen“. Weil, das ist biss’l peinlich. (Pause) Ja, was den Herrn Kurz anlangt und unsere Regierung. Also, das, was den Migrationspakt betrifft – ich zweifle an der Kompetenz dieser Menschen.

PRIDE: Aber sie wissen genau, was sie tun, das ist ja eine Strategie. Wieweit wirst du als Feigenblatt benutzt, um zu zeigen, wie liberal Österreich sei.
Conchita: Das Ding ist das – wenn ich eine Theorie in den Raum stellen
darf –, wenn sie sich diese Offenheit umhängen, müssen sie sie auch zu einem gewissen Grad leben.

PRIDE: Sie können ja sagen, die „Ehe für alle“ ist jetzt möglich, die schwarz/blaue Regierung hat das ermöglicht.
Conchita:  Aber wenn das eine Entwicklung in eine Richtung ist, in der sie offener sind, dann wäre das ja super. Ich glaube, was tatsächlich unglaublich wichtig ist, sind nach wie vor jede Form von Wahlen und jegliche Form der Beteiligung der Bevölkerung, weil wir leben in einer Demokratie, und diese hat die Macht, etwas zu ändern. Das Problem ist, dass es viele Menschen gibt, die – so auch ich, nicht dass ich nicht wählen gehe, weil das tue ich – dass es viele Menschen gibt, die sich im Wahlprozess viele Reden anschauen und denken, „geh‘ bitte, es kann doch niemand so blöd sein, das zu glauben“. Und das Problem ist, die Menschen, die sich denken, es kann doch eh niemand so blöd sein, dann nicht zur Wahl gehen, weil „das wird ja nie passieren“. Und dann gehen alle die hin, die diese Gesinnung haben – und dann haben wir diesen „Salat“. Ich glaube, dass Wahlbeteiligung das Einzige ist, was helfen wird. Da gibt es ja auch Studien und Belege ohne Ende, dass wenn die Wahlbeteiligung hoch ist, der Anteil der rechtsdenken Menschen so wahnsinnig schrumpft, dass es eben in eine Gesellschaft geht, die inkludiert.

PRIDE: Das ist ein Wahlaufruf?
Conchita: Natürlich, absolut – Europawahlen nächstes Jahr! Ich glaube, es ist insofern ein heikles und schwieriges Thema, weil sich natürlich viele Österreicher, viele Menschen denken, Europa, das ist ja viel zu weit weg für mich – was wird da meine Stimme zählen? Unfassbar wichtig! Wichtiger denn je!

PRIDE: Danke – das war dein perfektes Schlusswort.

web20181104_conchita_gerhard
Interview:
Gerhard Niederleuthner
Fotos: Gerhard Niederleuthner, Sony Music Austria, Maximilian Lottmann

Konzerttipp
Sa., 13. April 2019, 19:30
Conchita mit ihrer Band
Großer Saal, Musiktheater Linz

CD: „From Vienna with Love”
Conchita und die Wiener Symphoniker;
Conducted by Guido Mancusi, Sony Music

conchitawurst.com
wienersymphoniker.at
sonymusic.at

 

nach oben
nach oben