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PRIDE-Artikel


133 / Interview Peter Plate


“Ich hab mich genug ausgetobt.”

Peter Plate im PRIDE-Interview über die Liebe, den Papst, Burn-out und Heiraten.

Foto: Gerhard Niederleuthner

Foto: Gerhard Niederleuthner

Interview: Gerhard Niederleuthner (Info: Das online  veröffentliche Interview ist die originale Langversion des am  Do., 14. März 2013 in Wien geführten Gesprächs mit Peter Plate. Die im PRIDE abgedruckte Version wurde ca. um die Hälfte gekürzt.)

Die erste Solo-CD  des humorvollen Peter Plate „Schüchtern ist mein Glück“ erscheint im April, nach dem Ende des gemeinsamen Arbeitens mit AnNa von Rosenstolz, zeigt sich Peter musikalisch von einer ehrlichen und melancholischen Seite.

PRIDE: Das Thema Liebe zieht sich seit mehr als 10 Jahren schon bei Rosenstolz wie ein roter Faden durch. Hat sich für dich etwas geändert, was Liebe betrifft?

Peter: Also, Liebe ist nach wie vor was Tolles. Bei mir ist es ja so, dass ich nach über 20 Jahren, haben Ulf und ich uns sozusagen getrennt, wobei für mich dieses Wort getrennt immer so etwas dramatisches hat. Wir haben einfach erkannt, so im Laufe der Jahre, dass wir kein Liebespaar mehr sind. Das wir uns zwar lieben und auch Familie füreinander sind, aber nicht mehr das Liebespaar im klassischen Sinne.

PRIDE: Glaubst du an die Liebe auf den ersten Blick oder eher an einen Prozess, in dem sich etwas entwickeln kann?

Peter: Auf jeden Fall glaube ich, dass einen die Liebe immer in einem Moment erwischt, wo es gerade gar nicht passt. (Lacht) Darüber singe ich ja auch eigentlich in einem Song „Ausgang leider unbekannt“, dass die Liebe eigentlich immer dann zuschlägt, wo man – und ich glaube das wird nicht leichter, wo man älter wird, wenn man noch ganz viel Verletzungen mit sich herumträgt, und sagt, so nah lass ich nie wieder jemand an mich heran. Oder bin ich noch gar nicht frei im Kopf. Oder ich genieße es Single zu sein, ja und dann genau kommt die Liebe. Das ist dann ja schön.

PRIDE: Bei allen Nummern zeigst du dich sehr persönlich. Wie gehst du mit der Vermischung von privaten Gefühlen und öffentlicher Person um?

Peter: Weil wenn ich Texte schreibe müssen die schon ehrlich sein. Das tolle ist immer – als wir diese Texte geschrieben haben, dann tut man das ja für sich in diesem Moment. Und es war einfach nur großartig, diese Texte größtenteils ja gemeinsam mit Ulf zu schreiben, und dass wir die Chance hatten mit einem Teil der Songs die letzten 20 Jahre aufzuarbeiten. Und gleichzeitig hatte ich auch die Chance über die neue Liebe Lieder zu schreiben. Und so etwas gemeinsam nach wie vor zu machen, war schon obskur und fühlte sich dann aber super an.

PRIDE: Über gemeinsames Arbeiten kann man aber auch Konflikte aufarbeiten, die man eigentlich in der Be­ziehung hat. (Peter lacht.) Damit kann man ja auch lernen, Gegensätze stehen zu lassen.

Peter: Für Ulf und mich war es glaub ich so, dass wir jahrelang nicht mehr so entspannt miteinandern gearbeitet haben wie an meinem Album. Es war einfach total entspannt, die Jahre davor waren auch super. Also ich bin auch ganz dankbar, dass das so war, aber an einem Punkt wo mein Leben jetzt ist, bin ich auch froh, dass ich mal, wenn ich nach Hause gehe die Arbeit hinter mir liegt. Ich kann abschalten, zu Hause jetzt, in meinem jetzigen Leben. Es geht dann nicht mehr um die Arbeit. Wir haben Hund, wir haben Kater, wir haben ein anderes Leben…

PRIDE: Der Hund, der im Booklet abgebildet ist?

Peter: … Jaja, der Jam (lacht). Und das tut mir gerade sehr gut.

Foto: Ferran Casanova

Foto: Ferran Casanova

PRIDE: Bei zwei  Liedern „Schüchtern ist mein Glück“ und „Sturm“ ist der Text von dir alleine. Der Grundtenor des Albums ist aber insgesamt ein sehr melancholischer, ruhiger aber auch sehr zufrieden. Was war eigentlich das erste Lied für das Album?

Das erste offizielle Lied war schon „Schüchtern ist mein Glück“, weil ich musste Ulf für diese Projekt erst richtig begeistern.  Also haben Daniel und ich das Lied geschrieben, Ulf kam aus Barcelona zurück, “du setz‘ dich mal ans Sofa und hör dir das Lied an”. Und da war er Feuer und Flamme für das Projekt. An diesem Punkt dachte er „ok der Alte kann das“ -  Wir machen mal jetzt ne Peter Album. Und dann haben wir zusammen getextet. Und Sturm hab ich geschrieben – das sticht ein bischen heraus in dem Sinne – weil das hab ich schon vor vier Jahren gleich nach meinem Crash geschrieben. Und eigentlich war das schon ziemlich unheimlich, Jahre danach diesen Text zu singen, weil dies alles glücklicherweise passiert ist, was ich mir da gewünscht habe. Also das Leben auf den Kopf stellen, sich vielleicht nie wieder umdrehen, und der Wunsch nach Veränderung, nochmals von vorne anzufangen.

PRIDE: Bei vielen Liedern geht es um Sehnsüchte, Beziehung, hier wird der Wunsch nach Geborgenheit und einem normalen Leben thematisiert. Ist für dich ein normales (glückliches) Leben wichtig, mit dem man selbst zufrieden ist?

Peter: Na gut, das ist ein Idealzustand, aber das kann kein Mensch im Leben leisten. Man kommt immer rein in Krisen, ob man will oder nicht. Und natürlich hatte ich eine Heidenangst, mein Leben nochmals umzustellen. Weil es war ein schönes Leben. Ich hab halt gemerkt es fehlt was, ich wollte unbedingt (überlegt „wie drück ich das jetzt aus“) ich hab‘ gemerkt, dass wir kein Liebespaar mehr sind. Ich wollte aber eine Liebe leben. Ne klassische Liebe, mit allen Drum und Dran. Also nicht nur das Verliebt sein, die Schmetterlinge im Bauch, – das ist auch schön aber sehr, sehr anstrengend, aber diese richtige Liebe; dieses wilde Leben das war toll, aber es hat angefangen mich zu langweilen.

PRIDE: Mit deiner Eingetragenen Partnerschaft mit Ulf warst du ja auch ein Vorbild für junge Schwule, aber wenn das dann eben nicht so rund läuft, wird’s doch problematisch…

Peter: Wobei ich das nicht bereue. Und ich werde mich weiterhin leidenschaftlich  für die Ehe  – ist ja auch so ein komisches Wort – einsetzen und dafür fechten. Jeder der heiraten will, soll gefälligst heiraten können. Und dass wir dieselben Rechte haben – in Deutschland stehen wir ja kurz davor – denn ich gehe stark davon aus, dass mit dem Verfassungsgerichtshof die letzten Diskriminierungen genommen werden,  und das finde ich richtig und wichtig. Ob ich jetzt nochmal in meinem Leben heiraten werden oder nicht – mal gucken. (lacht)

PRIDE: In den letzten Jahren ist ein Backlash zu mehr Privatheit und Sehnsucht nach Geborgenheit zu spüren! Wird mit der Homoehe alles normiert? Wo gegen kann dann noch aufbegehrt werden?

Peter: Ich denke, wünschenswert wäre es doch schon, für mich zumindest, denn ich würd sagen, wir sind erst in der Normalität angekommen, wenn wir dieselben Rechte und Pflichten haben, wie alle anderen in dieser Gesellschaft. Was jeder für sich als Individuum oder auch in einer Partnerschaft darauf dann macht, das bleibt ja jedem selbst überlassen. Das heißt ja nicht, dass wir jetzt alle so leben müssen. Aber die, die das gerne möchten, die sollen das doch machen. Wenn ich jetzt so reflektiere, als ich ein junger Mann war – in Deutschland war Homosexulität bis 1974 verboten – wenn ich jetzt richtig informiert bin. Das heißt, dass die Generation, die älter ist als ich teilweise noch heimlich zusammengelebt habt – dass man es am Arbeitsplatz nicht sagen konnte. Und man muss sich Nichts vormachen, in bestimmten Regionen ist es immer noch schwierig.

Ich glaube aber, dass eine Liebe – dass die Liebe an sich – sich besser entfalten und entwickeln kann, wenn das alles eh nicht im Verborgenen stattfindet. Insofern finde ich das gut, und wenn jetzt junge Schwule das Bedürfnis haben, schon zurückgezogen zu zweit zu leben, ist es doch super. Wenn sie das möchten ist doch schön.

PRIDE: Was unterscheidet eigentlich einen Schwulen vom Rest der Bevölkerung. Brauche ich Kinder zu meinem Glück?

Peter: Ich würde das auch ganz individuell betrachten, ich kann sagen, mein Leben wäre vielleicht schon anders gelaufen, wenn ich schon als junger Mann gewusst hätte, was alles einem später möglich ist.  Ich kann mir sehr wohl vorstellen, dass ich dann mal Kinder gehabt hätte, nur weil man schwul oder lesbisch ist, oder heterosexuelle ist – im Endeffekt sind wir ja doch alle gleich – und ich finde das gut,  ich muss nicht besonders sein.

PRIDE: Beim neuen Papst (das Interview wurde am Tag nach der Papstwahl geführt) zeigt sich aber schon sehr deutlich, wie wenig Verständnis für die Schwulen da ist…

Peter: Ja, absolut. Zum Papst kann man ja wirklich nicht viel sagen, er ist ja erst gestern gewählt worden. Dass er aber die Homoehe in Argentinien vehement ablehnt, insofern scheint ja wieder nicht korrekt zu sein – der nächste Onkel, – ich hab keine Beziehung zum Papst, ich bin nicht religiös, ich glaube nicht an Gott, aber jeder soll an Gott glauben, wenn er es möchte – ich tue es nunmal nicht, insofern finde ich diesen ganzen Verein ziemlich lächerlich und staune eigentlich auch  jedes Mal wieder über den Medienhype einer Papstwahl und diesen weißen Rauch. Und zehntausend Journalisten – eh das ist doch krank. Pause  Ja – und lacht.

PRIDE: Aber zurück zu dir. Sind es die großen Gesten oder doch einfach die alltäglichen Momente, die das Leben ausmachen?

Peter: Ich finde momentan so spannend am Leben, dass ich wahnsinnige Angst hatte, vierzig zu sein, was noch alles so kommt, und jetzt bin ich schon 45 und muss sagen, das Leben ist so toll, ist so aufregend,  weil sich Bedürfnisse einfach ändern – und zwar auf natürliche Art und Weise – ändert sich das. Gut der Kinderwunsch hat bei mir halt nicht geklappt, aber ich habe wunderbare Neffen und Nichten, ich häng‘ mit denen ab, wir haben ganz viel Spaß, es ist inspirierend, das macht Spaß. Ich lebe fernab der schwulen Szene, war seit Jahren nicht mehr in der Szene, – aber ich habs‘ ja auch zwei Jahrzehnte gemacht. Ich hab’s genossen und geliebt! Super – ich find das auch im nach wie vor wichtig, nicht dass du mich falsch verstehst, und sollte ich nochmal Single sein – was ich jetzt nicht hoffe – toll, dass wir diese Infrastruktur haben, ich setze mich dafür nach wie vor leidenschaftlich ein, es ist gut und wichtig und richtig. Aber jetzt mit 45 stelle ich fest, eh Plate will monogam leben, ich hab mich genug ausgetobt. Ich brauch das nicht mehr, momentan find ich das viel mehr sexy, Ja, das ist ganz aufregend, und das ist das Schöne am Älter werden, dass das die Biologie mit einem macht, ich genieße das sehr. Und denke dann, oh Gott, was hatte ich da alles für Angst davor, es ist alles so unbegründet,  es ist alles so schön wie sich das fügt.

PRIDE: Du hast immer sehr viel Pathos in deinen Texten, ist das immer ernsthaft oder kokettierst du auch mit „Herz-Schmerz“-Klischees?

Foto: Ferran Casanova

Foto: Ferran Casanova

Peter: Es ist völlig egal was man für einer ist, ob ein Intellektueller oder das komplette Gegenteil dessen, aber wenn man in den Augen eines Menschen versinkt, den man gern hat, oder liebt, das erreicht uns alle, da ist kein verschlossen, und mir ist es schon ein Anliegen darauf immer wieder hinzuweisen – das ist mein Job. (lacht) Es kann mir keiner erzählen, dass es einen nicht berührt, wenn man nach einem harten Winter, auf einmal kommt der Frühling, du fährst ans Meer, und das macht nichts mit dir, dann musst du ja schon emotional tot sein.

PRIDE: Aber ist es da nicht manchmal ein bisschen dick aufgetragen?

Peter: (Lacht.) – Ja das bin ich!

PRIDE: Wie geht es dir eigentlich mit deinem Beruf, der ja doch privilegiert ist, wie du z.B. auch mit deinem Burn-out umgehen konntest. Du konntest das sicherlich einfacher handhaben als z.B. ein Mechaniker oder eine Sekretärin?

Peter: Das ist auf jeden Fall ein riesen Problem, ich weiß zwar nicht, wie das hier bei euch in Österreich ist, aber in Deutschland ist das ein riesen Problem: Wenn jetzt die Lidl-Verkäuferin zuhause drei Kinder hat, an der Kasse sitzt und wenn die einfach nicht mehr kann. Das Wort Burn-out ist im Übrigen ein fürchterliches Wort – auch sehr stark dem Zeitgeist angepasst. Als ich das hatte verging keine Wochen in der nicht im Spiegel, oder im Focus stand, oder es irgendwie Titelthema war, und ich wurde so wütend, weil jedes Schicksal ist erstens einzeln zu betrachten. Und zweitens ist es genauso wie du sagst, ich kannte es von einem Fall: eine Sozialarbeiterin, die ein Burn-out hatte, und die hat ein halbes Jahr auf einen Therapieplatz gewartet. Was natürlich eine Katastrophe ist, weil du brauchst in dem Moment, in der Sekunde Hilfe, und auch professionelle Hilfe, sprich Therapie. Und das ist schon etwas, wo ich schon weiß, dass ich Glück habe. Ich konnte dann einfach sagen: So jetzt ist Schicht, ich mach Pause.

PRIDE: Wir haben z.B. in Oberösterreich den Fall eine Politikers (Rudi Anschober, Die Grünen) der sich für drei Monate eine Auszeit genommen hat. Wie gehst du mit sehr persönlichen Dingen um, wenn du gleichzeitig in der öffentlichen Wahrnehmung stehst?

Peter: Ich fand das damals sehr schrecklich, weil AnNa und ich es immer geschafft haben, dass wir nie „Gossip“ waren, und auf einmal warst du in diesen Medien, wo du nie stattgefunden hast, das war ein Albtraum. Na gut, aber die Distanz hab ich schon, dass ich jetzt weiß, das eine ist Öffentlichkeit und Beruf, das hat aber nicht mit dem zu tun wer ich, also Peter nun bin, ich hab glücklicher Weise gute Freunde und Familie, die einen dann auch erden. Wie sagt man, durchs Dorf läuft jeden Tag eine andere Sau. (lacht) und dann ist es auch vergessen.

PRIDE: Abschließend ganz konkret, wie soll es weiter gehen?

Peter: Ich plane gerade so ein paar Clubkonzerte in kleinen Clubs in Deutschland, so sechs Konzerte. Und sonst ist das Schöne, mein Plan ist, dass ich keinen Plan habe.

PRIDE: Ist dann auch Österreich vorstellbar?

Peter: Wenn‘s hinhaut und ich noch genug Energie habe, dann im Herbst.

PRIDE: Fein, wir sind schon sehr gespannt.

Hinweise:

TV-Tipp: 22.04.2013:  ab 1:30 – Music Special SAT.1
Peter Plate stellt sein Album “Schüchtern ist mein Glück” vor, mit verschiedenen Interviewsequenzen und schöne Einblicke in die Studioarbeit und Live-Songs vom neuen Album, aufgezeichnet im Berliner Roadrunner’s Club.

„Schüchtern ist mein Glück“
12 Songs u.a. Schöner war’s mit dir, Gefallen in Love, Bist du ok?
Universal Music, produziert von Daniel Faust, Ulf Leo Sommer + Peter Plate
facebook.com/peterplate.official
www.peter-plate.de

Verlosung
PRIDE verlost 5 CDs „Schüchtern ist mein Glück“ von Peter Plate
www.pride.at/verlosung

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